Dienstag, 26 Mai 2020 14:44

3 Szenarien für zukünftige Saisons

geschrieben von
Liebe Schachfreunde,

ich danke dem LSV hier eine offene Diskussion zu ermöglichen und auch Manfred, Ralph und David für erste Stellungnahmen.

Wenn ich die bisherigen Positionen so lese, stelle ich fest, dass man sich große Sorgen über die Fortsetzung der Saison bzw. die Durchführung zukünftiger Saisons, bis hin zur langfristigen Aussetzung, macht. Auch ich teile die Befürchtung, dass die aktuell niedrigen Infektionszahlen in Sachsen-Anhalt voraussichtlich nicht auf Dauer bleiben werde. Dennoch denke ich, müssen wir uns ernste Gedanken über eine verantwortungsvolle Fortsetzung des Spielbetriebs machen. Ein langfristiger Stop des Wettkampfbetriebs macht mir nämlich ebenfalls ernsthafte Sorgen. Gerade für unsere jungen Talente im Land stellt der Wettstreit einen wesentlichen Reiz am Sport dar und man könnte vermuten, dass der eine oder andere ohne dies das Interesse an unserem Sport verliert (wogegen der LSV und andere Institutionen glücklicherweise ja bereits Onlineturniere organisiert). Bei unserer ohnehin eher seniorlastigen Altersstruktur wäre das ein herber Rückschlag.

Gleichzeitig müssen wir natürlich auch die Bedürfnisse der Risikogruppen und unsere soziale Verantwortung zur Minimierung der Verbreitung des Virus im Blick behalten. Als Diskussionsgrundlage möchte ich hier einmal 3 Szenarien ohne persönliche Wertung einbringen und um Diskussion bitten.

1. Wir akzeptieren das Sars-Cov-2-Virus als gegeben und minimieren beim Punktspiel das Risiko der Ansteckung. Hierfür käme eigentlich nur eine Verlegung der Saison in die warme Jahreshälfte infrage. Dann könnte man, vielleicht auch unter Zuhilfenahme von Mundnasenschutz, draußen spielen - Regenschutz in Form von Pavillions o.ä. und etwas Abstand der Bretter wären natürlich Pflicht.

2. Wir spielen die Saison 2020/21 online. Um Betrug vorzubeugen könnte jede Mannschaft aus ihrem Vereinsheim/Stammspiellokal spielen und ein Repräsentant des Verbandes (oder des gegnerischen Vereins) würde quasi die Einhaltung der Regeln überwachen. Damit müssten nicht 16 Spieler in einem viel zu kleinem Raum an den Brettern sitzen, sondern nur noch 8 Personen + 1 Beobachter (in Ligen mit weniger Spielern pro Team entsprechend weniger). Außerdem müsste auch kein Spieler dem Gegner am Brett in weniger als einem Meter Abstand gegenüber sitzen. Gerüchte besagen, dass diese Form des Spielbetriebs über Jahre in den USA erfolgreich erprobt wurde - auf die schnelle fand ich jetzt allerdings keine belastbare Quelle dazu.

3. Sollte die obige Variante nicht umsetzbar oder das Betrugspotenzial zu hoch sein, könnte man die Bedenkzeit reduzieren und möglicherweise digital von zuhause spielen. Vermutlich müsste man das aber als Alternativturnier deklarieren, denn eine solche Lösung würde maßgeblich von der Akzeptanz der Spieler und vermutlich auch der höheren Verbände abhängen. Da kenne ich mich aber nicht aus.

Mir ist klar, dass diese Vorschläge, vor allem 2. & 3., eine enorme Abkehr von unserem gewohnten Turnierbetrieb darstellen und nicht jeder sie begrüßen wird. Dennoch, ich empfinde diese Lösungen persönlich angenehmer als den Ligabetrieb über längere Zeit komplett auszusetzen oder immer das große Fragezeichen der behördlichen Genehmigung neben jedem Punktspieltermin im Kalender sehen zu müssen.

Ich freue mich auf eine möglichst breite Diskussion und konstruktive Kritik. Zusammen sollten wir doch gangbare Wege finden. Ich appelliere aber auch dafür mutig zu sein. Denn zur Wahrheit gehört auch zu sagen, dass die Entwicklung und Zulassung eines Impfstoffs noch in weiter Ferne liegt. Aber selbst wenn diese Hürde im nächsten Jahr geschafft sein sollte, folgt daran die Produktion desselben und das kann bis zur Durchimpfung Jahre dauern (für Interessierte gibt es eine Erklärung der Vermutung unten). 

Mit besten Grüßen
Stephan Münzberg
 
P.s.: Der Deutsche Schachbund hat mittlerweile ebenfalls eine Diskussionsplattform eingerichtet. Vielleicht finden sich dort gute Ideen. Mir fehlte die Zeit alle Kommentare durchzulesen.
 
P.p.s.: Da Manfred berechtigterweise darauf hinwies, dass wir die Situation der Jugendligen nicht abkoppeln sollten, auch hierzu noch 1-2 Sätze. Ich denke hier dürfen und können wir nicht auf dauerhafte Onlinelösungen setzen. Wenn ich an meine Zeit in den Jugendligen denke, dann muss ich zugeben, dass ich oft darüber nachdachte dem Schach den Rücken zu kehren. Letztlich hat mich aber vor allem das soziale Gefüge in den Mannschaften, erst beim 1. SC Anhalt, später bei der SG 1871 Löberitz, dem Schach verbunden gehalten. Sollte sich die noch etwas wackelige, aber immer klarer werdende, Studienlage bestätigen und Kinder und Jugendliche sich signifikant seltener anstecken und ansteckend wirken, sollten wir ernsthaft darüber nachdenken den Spielbetrieb vorsichtig zu normalisieren. Es wäre auch schwer zu vermitteln warum die Arbeit im Großraumbüro oder das Meeting im kleinen Besprechungssaal in Ordnung wären, während weniger gefährdete und gefährdende Kinder und Jugendliche nicht am Brett sitzen dürfen.
 
Erklärung zur Impfstoffproduktion
Aktuell stellt Europa jährlich 1,7 Milliarden Impfstoffdosen (von bereits zugelassenen Vakzinen gegen andere Krankheiten) insgesamt her und deckt damit 76 % des globalen Impfstoffbedarfs ab [1]. Ergo gibt es eine globale Kapazität an Impfstoffproduktion von 2.23 Milliarden Impfdosen. Da diese 2.23 Milliarden Impfdosen für die Impfung gegen andere Krankheiten bereits benötigt werden, können diese Kapazitäten nur bedingt für einen Corona-Impfstoff genutzt werden. Die großen Impfstoffproduzenten haben zwar bereits angekündigt während der klinischen Studien die Produktion anzufahren und werden sicher auch die Lager mit den ohnehin benötigten Impfstoffen (Influenza, MMR usw. usf.) füllen um später freie Produktionskapazitäten für einen möglichen Corona-Impfstoff  zu haben. Es wäre aber schon eine Überraschung wenn letztlich mehr als 2 Mrd. Impfdosen im ersten Jahr nach Zulassung bereitstünden. Bei 7 Mrd. Menschen (realistisch vllt. 6 Mrd., die sich ohne Impfpflicht impfen lassen möchten/können) auf der Erde und einer angedachten, global weitgehend fairen, Impfstoffverteilung sollte jedem sofort einleuchten, dass eine Durchimpfung, selbst bei starkem Ausbau der Impfstoffwerke, mehrere Jahre dauern kann (sofern keine neuen Produktionsverfahren, wie RNA-Impfstoffe - die aber am Menschen noch experimentell sind - eingesetzt werden).
 
Gelesen 268 mal Letzte Änderung am Dienstag, 26 Mai 2020 15:34
Stephan Münzberg

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