Weg nach LoeberitzDer Weg nach LöberitzIm Juni 2021 wird die Schachgemeinschaft 1871 Löberitz das 150. Vereinsjubiläum begehen. Wenn auch die Vereinsnamen mit den jeweiligen Gesellschaftssystemen wechselten, so wurde durchgehend in dem kleinen anhaltinischen Dorf organisiert Schach gespielt. Grund genug, einmal auf die Gründungszeit zu blicken.

Doch wie kam das Schach nach Löberitz?

Die 1860er Jahre neigten sich ihrem Ende zu, als der junge Theologiestudent Johann Melchior Kirsch von Halle aus, wo er studierte, nach Löberitz aufbrach. Dort hatte er eine Anstellung als Privatlehrer erhalten.

Vermutlich ist er mit der Eisenbahn bis Stumsdorf gefahren. Von dort ging es dann die 8 km über Zörbig zu Fuß weiter. Zur damaligen Zeit waren solche Fußmärsche für die Menschen eine Notwendigkeit und gehörten zum Alltag.

Vielleicht hat ihn auch einer der Rittergutsbesitzer oder ein Großbauer, der ihn als Privatlehrer angestellt hatte,  mit der Kutsche von der Bahnstation abgeholt. Und ob er ständig da war oder nur während der Wochenenden oder an studienfreien Tage nach Löberitz kam, all das wissen wir nicht. Mit Sicherheit finanzierte er durch diese lehrende Tätigkeit sein Studium.

Das besondere an der Geschichte ist, dass er ein Schachspiel im Gepäck hatte, mit dem er es verstand, die Bauern von Löberitz und Umgebung zu begeistern. Ganz besonders den Gasthofbesitzer Friedrich Franz Ohme. Eine Begeisterung, die sich heutzutage sicherlich in Grenzen hält, aber immer noch vorhanden und nicht nur auf Löberitz begrenzt ist.

Was wissen wir von dem „Schachmissionar“?

Johann Melchior KirschJohannes Melchior Kaspar Balthasar Kirsch, so sein vollständiger und sich wegen seines Geburtstages zum Fest der Hl. Drei Könige beziehende Name, wurde am 6. Januar 1844 in Leuth als Sohn des 1877 verstorbenen und in Straßburg im Elsass tätigen kgl. Zolleinnehmers und Zollbeamten Johann Peter Kirsch geboren. Er besuchte das Gymnasium Gütersloh und Cleve und studierte von 1868 bis 1872 an der Universität zu Halle. Zur Finanzierung des Studiums war er in Löberitz bei Zörbig als Privatlehrer tätig.  Dabei brachte er das Schachspiel nach Löberitz und begründete gemeinsam mit dem Gashofbesitzer Friedrich Franz Ohme 1871 den „Löberitzer Schachklub“. 

Kurz nach der Vereinsgründung verließ Kirsch den Ort, hielt aber immer engen Kontakt zu den Löberitzer Schachspielern. Während seiner Zeit in Löberitz leistete er auch zwischenzeitlich seinen Militärdienst ab. Dieser Mann, der als eigentlicher Gründer des Schachklubs gilt, fand natürlich mit seinen Ideen beim unternehmungslustigen Franz Ohme Unterstützung.

Nach Beendigung des Studiums war er als Lehrer in einer Privatschule in der Schweiz und als Rektor in Neutomischel im Wartheland tätig.

Am 10. Oktober des Jahres 1882 ehelichte er in Halle a. d. Saale Theresia Marie Friederike We­ber, die Tochter des Bäckermeisters Gustav Christoph Weber. Aus dieser Ehe gingen vier Kinder, drei Jungen und  die 1884 in Pyrehne geborene und später mit dem Großjenaer Pfarrer Georg Werner verheiratete Tochter Johanne Antonie Margarete, hervor.

1886 legte er in Berlin das 2. Examen ab, wurde am 10. Oktober 1886 ordiniert und einen Tag später vereidigt. Von 1886 bis 1887 wirkte er als Hofprediger in Pyrehne b. Landsberg a. d. Warthe, von 1887 bis 1889 als Pfr. in Landsberger Holländer [1] an der Warthe und  von 1889 bis 1909 als Pfarrer in der St. Katharinen-Kirche zu Ammendorf.

Am 22. März 1897 erhielt Kirsch für seine Teilnahme am Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 die aus Anlass des 100. Geburtstages Kaiser Wilhelms I. gestiftete Centenarmedaille.[2]

Johannes Melchior Kaspar Balthasar Kirsch starb am 7. Mai 1913 in Naumburg.[3]  Sein Grab im I. Quartier Nr. 162 des städtischen Friedhofs Naumburg wurde nach Beendigung der Liegezeit am 31. März 1944 von den Nachkommen aufgegeben.[4]

Wenn auch sein Grab verschwunden ist und es nur ein Bildnis von ihm gibt, so wird das Schachspiel, was er nach Löberitz gebracht hat, dort bis zum heutigen Tag gepflegt.

 

[1] Poln. Chwalowice.

[2] Diese Medaille  wurde an alle 1897 dienenden Armeeangehörigen und die noch lebenden Veteranen der Kriege von 1848, 1864, 1866 und 1870/71 vergeben.

[3] Pfarrerbuch der Kirchenprovinz Sachsen, Bd. 4, Hrsg. Verein für Pfarrerinnen und Pfarrer in der Ev. Kirche der Kirchenprovinz Sachsen, 2006, mit weiterführenden Quellen zu Kirsch: AKPS; Sammlung Machholz, PfarrAlm. 1809/09; Fischer, Pfarrbbuch Brbg., Kb Ammendorf.

[4] Mitteilung der Stadt Naumburg vom 5. Oktober 1943 an Frau Stud.-Rat Metzner, Archiv Schachmuseum Löberitz.

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